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Einleitung
Die Militärreform Gallienus’ und der Einsatz eines Claudius Gothicus hatten das Römische Reich vor dem Fall bewahrt. Nun lag es an einem Mann, der energisch genug war, das in drei Teile zersplitterte Staatsgefüge (Gallisches Sonderreich im Westen, das eigentliche Reich in der Mitte und Zenobias Reich im Osten) wieder zu vereinen. Das Schicksal hatte Lucius Domitius Aurelianus auserkoren, diese Aufgabe zu übernehmen. Er stellte nicht nur die Reichseinheit wieder her, sondern unter seinem Kommando sollten die römischen Truppen wieder siegreich aus den zahlreichen Schlachten an den Grenzen hervorgehen.
Bislang konnte man keine Statue mit Aurelian in Verbindung bringen. Ein in Istanbul gefundener Marmorkopf wurde ihm zu unrecht zugeschrieben. Auch vom Erlass seines Nachfolgers Tacitus, dass jeder Haushalt ein Bildnis von Aurelian zu besitzen hätte, ist nichts Greifbares übriggeblieben. Nicht nur die Archäologen wüssten gerne mehr über das Aussehen jenes Kaisers unter dem die militärische Macht des Römischen Reiches wieder erstarkte. Auf den Münzen erscheint er mit Strahlenkrone, langem Hals, in Falten gelegter Stirn und der für diese Zeit typischen Barttracht.
Als Soldatenkaiser war er der erste, der sich auch darum bemühte, dem Kaisertum eine überhöhte Aura und Unnahbarkeit zu geben. Er selbst stilisierte sich zum Dominus et Deus (Herr und Gott; dem Sonnengott) hoch. Dazu passt auch seine golddurchwirkte Kleidung, die er mit Juwelen besetzen liess.
Herkunft, Jugend & Karriere
Lucius Domitius Aurelianus wurde im Jahre 214 in der Provinz Moesia inferior als Sohn eines Landpächters von einem wohlhabenden Senator zur Welt. Er nahm später dessen Namen an und schlug eine militärische Laufbahn ein. Über seine Jugend ist kaum etwas bekannt und das in der Historia Augusta aufscheinende Material dürfte fast ausnahmslos erfunden worden sein. Er war mit Ulpia Severina verheiratet und hatte eine Tochter, deren Name nicht auf uns gekommen ist.
268 befehligte er die Reiterei in Norditalien, als Aureolus seine Revolte gegen Gallienus begann. Mit seinem Landsmann Claudius schlug Aurelianus den Aufstand nieder. Gemeinsam mit ihm war er aber auch an jener Verschwörung beteiligt, die Kaiser Gallienus das Leben kostete. Claudius übernahm das Kaiseramt und Aurelianus wurde zum Magister Equitum (Reiteroberst) befördert.
Als Claudius II. im August 270 an der Pest verstarb, hielt sich Aurelian als einer der Generäle des Kaisers gerade an der Donaugrenze auf. Er war als einer der vertrauenswürdigsten Offiziere Kommandant der von Gallienus geschaffenen Kavallerieverbände. Im Falle eines plötzlichen Thronwechsels galt er als einer der Favoriten für das Kaiseramt.
Aurelian war wie bereits angeführt schon bei einem anderen Wechsel mit von der Partie gewesen. Er soll es gewesen sein, der sich die List mit dem falschen Alarm ausgedacht hat, um Gallienus vor Mailand aus seinem Zelt zu locken. Wie weit seine Verstrickung in den Mord tatsächlich gediehen war, lässt sich heute nicht mehr sagen. Falls Ambitionen bestanden hatten, so hat er sie zugunsten des allseits respektierten Claudius zurückgestellt.
Nach dem Tod von Claudius II. wurde dessen Bruder Quintillus als Nachfolger inthronisiert. Doch erkannte er bald seine Ausweglosigkeit, als er erfuhr, dass die Truppen in Pannonien Aurelian unterstützten. Weitab von jeder Verstärkung beging Quintillus im September 270 Selbstmord. Der Weg für Aurelian auf den Thron war damit frei.
Herrschaft I (Die Aurelianische Mauer)
Aurelian war von den Truppen zum Kaiser ausgerufen worden und musste zunächst noch die laufenden Militäraktionen beenden, bevor er sich auf den Weg nach Rom machen konnte. Der bereits weit gediehene Krieg mit den Goten konnte schnell beendet werden, indem die Städte Anchialus und Nicopolis entsetzt wurden.
Eine Verschnaufpause war für den Kaiser noch nicht drin. Juthungen und Markomannen hatten die Alpen überquert und waren in Oberitalien eingefallen. Als die Stämme vom Anmarsch der Römer erfuhren, brachen sie ihren Zug ab und versuchten mit der gemachten Beute zu entkommen. Doch Aurelian schnitt ihnen den Weg ab und bekriegte sie an der Donau. Die Juthungen sandten darauf Unterhändler zum Kaiser und baten um Wiederaufnahme des Friedensvertrages und der damit verbundenen Subsidien. Der Schriftsteller Dexippos berichtet vom Empfang der Delegation. Aurelian sass auf erhöhtem Podest ganz in Purpur gehüllt. Das Ansinnen der Juthungen wurde abgelehnt, lediglich die Rückkehr in ihre Wohngebiete gestattet.
Im folgenden begab sich Aurelian nach Rom, wo der Senat seine Ernennung zum Kaiser missmutig bestätigte. Im Jahr darauf kehrte er an die Donaugrenze zurück. Bereits Claudius hatte energisch Vorbereitungen zur Abwehr der Vandalen getroffen. Aurelian gab an die Statthalter der germanischen Provinzen den Befehl aus, alle Lebensmittelvorräte in die Städte bringen zu lassen. Damit sollte der Feind keine Möglichkeit der Versorgung haben. Der folgende Feldzug brachte keinen überragenden Sieg, aber die Vandalen suchten um Frieden nach. Der Kaiser überliess seinen Soldaten die Entscheidung über die Weiterführung des Krieges. Die Vandalen erhielten ihren Friedensvertrag, doch stellten die Römer Bedingungen. Die Eindringlinge durften in ihre Wohngebiete zurückkehren, mussten jedoch Geiseln und 2000 Mann Kavallerie stellen Als davon 500 Mann nichts wissen wollten, wurden sie umgebracht.
Die Vandalen waren noch nicht vollständig abgezogen, als erneut Markomannen und Alamannen - wahrscheinlich unterstützt von einigen Juthungen - auf die italische Halbinsel vordrangen. Aurelian eilte sofort aus Pannonien herbei. Der Tross der Eindringlinge hatte sich bis Placentia (Piacenza) vorwagen können. Um ihnen den Rückzug abzuscheiden, liess der Kaiser die Alpenpässe dicht machen. Nun forderte er die Abgabe der Waffen. Doch die Stämme waren gerissener, als gedacht. Sie lockten die Truppen in einen Hinterhalt und fügten Aurelian eine schwere Niederlage zu. In Rom brodelte derweilen die Gerüchteküche und führte zu einem umstürzlerischen Klima, das in einen Aufstand der Münzarbeiter mündete.
Im Mittelpunkt stand der rationalis summae rei (Vorsteher der kaiserlichen Münzanstalten) Felicissimus. Entweder auf seine Veranlassung oder weil er umgebracht worden war, erhoben sich die Münzmeister in Rom. Ein Versuch Aurelians, Münzen mit deutlich erhöhtem Silberwert auszugeben, war scheinbar an der Unterschlagung von Silber gescheitert. Die Münzarbeiter wurden beschuldigt die Münzen ohne Anweisung mit geringerem Silberanteil ausgeprägt und den Gewinn in die eigene Tasche gewirtschaftet zu haben. Der Aufstand fand zahlreiche Anhänger, auch unter den Senatoren. Es kam zu Kämpfen, bei denen sich die Aufständischen auf dem Caelius-Hügel verschanzten. Nur unter dem Einsatz von kampferprobten Truppen konnte der Hügel eingenommen werden. Zurück blieben 7000 Tote auf beiden Seiten, darunter einige Senatoren.
Dem Kaiser blieben derweilen weitreichende Folgen seiner Niederlage erspart. In ihrer Gier nach Beute hatten sich die Eindringlinge in zahlreiche kleine Gruppen zersplittert. Aurelian konnte sie einer nach der anderen stellen und aufreiben. Scharmützel fanden statt am Metaurus, bei Fanum Fortunae (Fano) und in der Nähe von Ticinum. Die Zahl jener, die über die Alpen entkommen konnte, war gering. Eine weitere Verfolgung musste wegen der Niederschlagung der Unruhen in Rom aufgegeben werden.
Die Provinz Raetien war schon seit längerem zum Aufmarschgebiet der äusseren Feinde Roms von Norden her geworden. So verkürzte sich die Strecke nach Rom noch mehr. Italien war verkehrstechnisch gut ausgebaut und wenn ein Feind nicht in Oberitalien geschlagen werden konnte, stand das Tor nach Rom weit offen. Genau diesen Schluss zog Aurelian aus den letzten Schlachten und er entschied sich das seit Jahrhunderten unbefestigte Rom mit einer mächtigen Stadtmauer umgeben zu lassen. Sie umfasste eine Länge von 29 km und war damit deutlich länger als die uralte Severianische Mauer. Mehr als drei Meter dick und meist über sechs Meter hoch beinhaltete sie 18 Einzel- bzw. Doppeltore mit speziellen Abwehrtürmen für Schleudergeschütze.
Noch 271 begannen die Arbeiten an jener Mauer, die schlussendlich als „Aurelianische Mauer“ seinen Namen tragen sollte. Sie ist in weiten Strecken noch heute in bestem Zustand erhalten. Da sich solch ein grosses Bauvorhaben nicht über Nacht realisieren liess, dauerte der Bau einige Jahre und wurde erst unter Kaiser Probus endgültig fertig gestellt. Rückwirkend betrachtet sollten sich die Verteidigungsanlagen als nutzlos erweisen, da sie nicht für Belagerungen, sondern für die Abwehr von Barbarenangriffen, konzipiert worden war. Auch konnten für den Bau keine Soldaten abgestellt werden. Die Anlage wurde von zivilen Arbeitern errichtet.
Ende 271 bzw. Anfang 272 sah sich der Kaiser dann auch von inneren Feinden bedroht. Eine Reihe von Gegenkaisern begann ihm den Thron streitig zu machen. In Südgallien usurpierte ein Domitianus, in Dalmatien ein Septimius und irgendwo anders ein Urbanus. Über diese Rivalen ist kaum mehr als der Name bekannt, so schnell und offensichtlich erfolgreich wurden ihre Revolten unterdrückt.
Herrschaft II (Sieg über Zenobia)
Der Sieg über Juthungen und Markomannen hatte einerseits den Druck von der raetisch-norischen Donaugrenze genommen, andererseits standen dadurch seit langem wieder genug Truppen in Oberitalien, um dem Gallischen Sonderreich Paroli bieten zu können.
Vorerst zog Aurelian nochmals auf den Balkan, zunächst um organisierte Plünderer zu vertreiben. Im Frühjahr 272 überquerte er die Donau um die Goten vernichtend zu schlagen. Deren Anführer Cannabaudes kam dabei ums Leben und der Kaiser schmückte sich mit dem Titel Gothicus maximus. Diesen Titel hatte er sich redlich verdient, denn die Goten blieben für längere Zeit dem Reichsgebiet fern.
Der Oberlauf der Donaugrenze war gesichert worden, am Unterlauf sah die Sache anders aus. Die von Kaiser Trajan Anfang des 2.Jh.n.Chr. eroberte Provinz Dakien war langfristig nicht mehr zu halten. So entschied sich Aurelian zu einer geordneten Evakuierung. Die römischen Bürger wurden nach Moesien und Thrakien umgesiedelt. Zu diesem Zweck errichtete Aurelian auf deren Boden zwei neue Provinzen, in denen der Name Dakien weiterlebte: Dacia Ripensis und Dacia Mediterranea.
Damit schuf er fürs erste einen Puffer zwischen den ständig in den Donauraum einströmenden Stämmen und dem Reichsgebiet. Dakien war bisher ein Musterbeispiel für die planmässige Durchdringung eines eroberten Gebietes gewesen, dennoch hat die direkte römische Herrschaft nur etwa 175 Jahre gewährt. Die Donau bildete damit - wie vor den trajanischen Eroberungen - die wesentlich kürzere und leichter verteidigbare Grenze zum Barbaricum. Die Goten übernahmen in Folge die geräumten Landstriche.
Als nächstes wandte sich Aurelian Zenobia und ihrem Sohn Vaballathus Athenodorus zu, die mittlerweile unter Ausnutzung der inneren Schwäche Roms und unter stillschweigender Duldung der vorangegangenen Kaiser den Osten des Reiches beherrschte. Ihr Einflussbereich reichte von Ägypten bis Kleinasien und im Frühjahr 271 hatten sie sich zu Augusta und Augustus ausrufen lassen.
In Kleinasien stiess Aurelian auf keinen nennenswerten Widerstand. Lediglich die Stadt Tyana leistete kurze Gegenwehr. Seinen Soldaten verwehrte er das Begehren einer Plünderung. Diese Milde sollte sich bezahlt machen. Die Griechenstädte öffneten ihm allesamt ihre Tore. Ägypten ergab sich seinem Heerführer Probus ohne dass ein Tropfen Blut vergossen worden wäre.
Die erste echte Schlacht fand bei Immae, ca. 40 km östlich von Antiochia, statt. Die Hauptmacht der Palmyrer, besonders ihre gefürchtete schwere Kavallerie, unterstand dem General Zabdas. In dieser Schlacht am Fluss Orontes ging Aurelians’ Taktik mit seiner leichten Kavallerie auf und der Gegner konnte die volle Wirkung der Truppen nicht entfalten. Die Römer hatten so einen grossen Sieg für sich zu verbuchen und in Antiochia wurde der Kaiser tags darauf freudig begrüsst.
Mit Truppen aus den eroberten Gebieten setzte Aurelian die Wiedereroberung fort. Zenobia zog sich unterdessen mit den verbliebenen Einheiten in das südlich gelegene Emesa zurück. Aber auch in der nun folgenden zweiten Schlacht blieb Aurelian Sieger auf der ganzen Linie.
Nach zwei verheerenden Niederlagen blieb Zenobia nur mehr der Rückzug in ihre eigene Hauptstadt Palmyra. Die von Wüsten umgebene Oasenstadt bot sich ideal für einen Verteidigungskampf an. Sie hoffte, dass Aurelian eine längere Belagerung infolge der schlechten Nachschubwege nicht durchhalten würde. Doch die Logistik der Römer funktionierte und schlussendlich wurde den Eingeschlossenen die Vorräte knapp. In dieser prekären Situation setzte Zenobia alles auf eine Karte. Sie beschloss die Perser um Hilfe zu ersuchen. Ein Entlastungsangriff hätte die Römer zum wenigstens vorübergehenden Abzug veranlasst.
Zenobia verliess persönlich auf einem schnellen Kamel ihre Oasenfestung und ritt dem Euphrat entgegen. Den Römern blieb das nicht verborgen und Aurelian liess der Herrscherin mit Reitern nachsetzen. Gerade als sie im Begriff war den Euphrat zu überqueren wurde sie eingeholt und gefangengenommen. Daraufhin ergab sich Palmyra ohne Widerstand. Aurelian dankte es den Bewohnern und verschonte die Stadt. Damit waren die östlichen Provinzen einigermassen friedlich in das Gesamtreich zurückgekehrt.
Über das Schicksal von Zenobia liegen unterschiedliche Berichte vor. Die Schuld an der Niederlage schob sie übrigens ihrem gelehrten Berater Cassius Longinus in die Schuhe, der dafür sterben musste. Es wird behauptet, sie sei auf dem Marsch nach Rom verstorben, wo sie Aurelian im darauffolgenden Jahr im Triumphzug mitführen wollte. Anderen Quellen zufolge war sie tatsächlich des Kaisers Aushängeschild bei den Siegesfeierlichkeiten. In Tivoli soll sie anschliessend unter Hausarrest gestellt und zur Ehe mit einem Senator gezwungen worden sein.
Die Ruhe, die sich Aurelian bei seiner Abreise aus dem Osten dargeboten hatte, war trügerisch und sollte nicht lange andauern. Es kam erneut zu Aufständen und die römische Besatzung bei Palmyra unter der Führung von Marcellinus wurde hingemetzelt. Ein Mann mit Namen Septimius Antiochus liess sich zum Gegenkaiser ausrufen. Gerüchteweise war er ein Sohn des ehemaligen palmyrischen Herrschers Odaenathus. Aber auch in Ägypten sorgte ein Mann namens Firmus für Unruhe.
Der Kaiser kämpfte gerade gegen den Stamm der Karpen an der Donau, als ihn im Frühjahr 273 die Nachricht von den erneuten Unruhen im Osten erreichte. Aurelian eilte nach Syrien und besiegte die völlig überraschten Palmyrer. Die Oasenfestung wurde im Handstreich genommen und diesmal liess er die Soldaten die Stadt systematisch plündern. Hiernach wurde sie dem Erdboden gleichgemacht. Unter diesem Eindruck beging Firmus in Ägypten Selbstmord
Herrschaft III (Restitutor Orbis)
Auch das folgende Jahr wurde wieder ein kriegerisches. Nachdem im Osten Ruhe eingekehrt war und auch die Donaugrenze einigermassen hielt, wandte sich Aurelian den inneren Feinden seiner Herrschaft zu. Das Gallische Sonderreich hatte schon einige Jahre fast unbehelligt existiert; damit war es nun vorbei. Sommer 274 marschierten Aurelians Legionen nach Gallien und stellten den Gegner auf den Katalaunischen Feldern.
Was jetzt folgte, ging als eine der eigentümlichsten Vorfälle der römischen Gegenkaiser in die Geschichte ein. Mitten in der Schlacht lief Tetricus, Kaiser in Gallien, zu Aurelian über. Was so sonderbar klingt, war ein zuvor ausgehandeltes und damit abgekartetes Spiel. Der Kaiser führte Tetricus daraufhin gemeinsam mit seinem Sohn und Zenobia im Triumph mit. Angeblich waren bei diesem Triumphzug sogar chinesische Gesandte anwesend.
Die Geschichte hatte schliesslich ein Happy-End. Tetricus wurde nicht hingerichtet, sondern erhielt vielmehr mit der Sonderstatthalterschaft von Lukanien einen hohen Verwaltungsposten in Süditalien und auch die gesamte Verwaltung des Sonderreiches wurde reibungslos wieder in das Gesamtreich eingegliedert. Tetricus’ Sohn gleichen Namens bekleidete später ebenfalls hohe Senatorenposten.
In einer Zeit der allgegenwärtigen Kriege und Revolten hatte plötzlich staatspolitischer Weitblick regiert. Das Sonderreich war zwar allen Kaisern ein Dorn im Auge, befreite aber Rom von Kämpfen an der Rheingrenze. Das damit entlastete Heer konnte sich somit auf andere Aufgaben konzentrieren und das Römische Reich vor dem Kollaps retten. Auch funktionierte der überregionale Warenverkehr weiterhin in alle Richtungen. Den gallischen Machthabern war es indes nicht anders ergangen, als den Kaisern in Rom. Sie wurden genauso gestürzt und ausgerufen, wie es im Gesamtreich üblich war. Eine Erschöpfung machte sich auf allen Seiten bemerkbar. So waren die Beteiligten wohl zum Schluss gekommen, dass eine friedliche Wiedervereinigung die beste Alternative wäre.
Damit war das Römische Reich im Herbst 274 erstmals seit langem wieder unter einer Regierung vereinigt. Verdientermassen konnte sich Aurelian mit dem Titel Restituor Orbis (Wiederhersteller des Erdkreises) schmücken. Militärisch hatte Rom seine tiefste Krise überwunden und den Stürmen der Zeit - wenn auch mit einigen Abstrichen wie dem agri decumates in Raetien und Dakien - getrotzt. Forthin hatte Aurelian mit jenen Problemen zu hadern, die infolge der Kriegswirren nicht so sehr im Vordergrund gestanden waren.
Am schlimmsten war die Wirtschaftskrise, deren für jedermann ersichtliches Anzeichen der Verfall der Währung war. Seit 268 war die Qualität der Silbermünzen drastisch zurückgegangen, nachdem sie schon zuvor arg gelitten hatte. Das Vertrauen in die Geldwirtschaft, das unter anderem für den Aufstieg Roms gesorgt hatte, war dahin.
Zum ersten Mal seit Caracalla erschienen auch neue Münztypen, über deren Wertrelation man sich nicht genau im Klaren ist. Eingeführt wurde der Aurelianus, eine Silber-Kupfer-Legierung mit der Aufschrift XXI, was wohl 21 Sesterzen gleich 5 Denare bedeuten dürfte. Auch gab es Münzen mit der Aufschrift VSV, was für 5 plus 5 gleich 10 Denare angenommen wird. Die Ausgabe höhernominaliger Münzen sollte den Zahlungsverkehr verbessern.
Die Einnahmen aus den wiedergewonnenen Provinzen entlasteten den Staatshaushalt merklich. So konnte es sich Aurelian leisten alle Schulden von Bürgern gegenüber der Staatskasse zu streichen. Parallel engagierte er sich bei der Bekämpfung von Unterschlagungen. Die kostenlose Verteilung von Brot wurde in der Hauptstadt neu organisiert und das Anrecht auf eine Brotration konnte nun weitervererbt werden. Ergänzt wurde dies durch erweiterte Fleisch-, Salz- und Ölspenden. Die Nahrungsmittelpreise wurden staatlicherseits überwacht. Damit wurde er Vorreiter der Preiskontrollmassnahmen eines späteren Kaisers - Diocletian.
Das Flussbett des Tibers wurde entschlammt und die Ufer besser befestigt, brachliegendes Land in ganz Italien zugunsten des Staates eingezogen. Damit sollten ihre Besitzer zur Bewirtschaftung angehalten werden. Lebensmittelhändler und das Schiffergewerbe wurden in neuen beinahe militärisch anmutenden Kollegien zwangsorganisiert. Dies war ein weiteres Vorspiel der allgemeinen Kooperationspflicht, Reglementierung und Zentralisierung, wie sie unter Diocletian üblich werden sollte.
Auch auf dem Gebiet der Religion hatte sich in den letzten Jahrzehnten einiges verändert. Von Osten her hatte sich der Kult des Sol Invictus (Der unbesiegte Sonnengott) ausgebreitet, der auch innerhalb des Heeres beliebt war. Der Kaiser erkannte die Macht einer religiösen Einheit aller Römer und förderte den Kult. Die alten Götter verloren indes mehr und mehr an Bedeutung, obwohl ihnen immer noch gehuldigt wurde.
Aurelian liess 274 einen neuen Sonnentempel für den nach strengen staatlichen Richtlinien (vor allem in Zusammenhang mit der Kaiserverehrung) organisierten Kult neben dem Mausoleum des Augustus im Norden Roms errichten. Das Gebäude war überreich verziert und beherbergte kostbare Beutestücke aus Palmyra. Dort wurden u.a. goldene und juwelenbestickte Gewänder aus dem Bel-Tempel geplündert.
Der Geburtstag des Gottes wurde am 25. Dezember begangen und das Christentum dürfte später dieses Datum für das Weihnachtsfest übernommen haben. In seiner Heimat Pannonien wurde dem Sonnengott besonders eifrig gehuldigt. Und Aurelian hatte es auch nicht verabsäumt die Heiligtümer Emesa und Palmyra zu besuchen.
Schon Elagabal hatte versucht den syrischen Sonnengott in Rom heimisch zu machen. Aber im Gegensatz zu Aurelian wollte Elagabal die alten Götter verdrängen, nicht ergänzen. Jetzt übernahm Sol invictus ganz ohne grosse Probleme den Vorsitz im römischen Panthenon. Dies löste eine zunehmende Vermischung zwischen westlich-römischer und östlich-orientalischer Kulte aus. Das theologische System des Monotheismus wurde so vorbereitet.
Auf Münzen erschien neuerdings die Sonne mit der Umschrift Sol Dominus imperii Romani (Die Sonne =der Sonnengott, Herrscher des Römischen Reiches). Der Kaiser stellte sich dabei als oberster Diener des neuen Gottes dar. Diese Religionsauffassung war für Rom völlig neu.
Tod
Ende 274 musste sich der Kaiser nach Lugdunum (Lyon) begeben um Unruhen und einen weiteren Einfall der Juthungen zu bekämpfen. Das wahre Augenmerk legte Aurelian aber auf den Osten. Jetzt sah der Kaiser die Zeit gekommen einen Schlag gegen die Perser zu unternehmen. Es gab eine realistische Chance Mesopotamien zurückzuerobern. Im folgenden sammelte er seine Truppen und zog ostwärts. Zu Herbstende stand er in Coenofrurium zwischen Perinthus und Byzantium und bereitete die Überquerung des Bosporus vor.
Inmitten dieser Planungen wurde Aurelian plötzlich erstochen. Anstifter war sein Privatsekretär Eros gewesen und ein Thraker namens Mucapor hatte die Tat ausgeführt. Die antiken Quellen lassen keinen eindeutigen Schluss zu, wo die Ursachen dafür lagen. Erwähnt wird Aurelians’ Hang zu Grausamkeit. Aurelian soll Eros bei einer Lüge ertappt und gedroht haben ihn zu bestrafen. Dieser bangte um seinen Kopf und setzte das Gerücht in die Welt auch die Prätorianer wären bezichtigt worden. Der wahre Grund wird aber in der Strenge zu sehen sein, die der Kaiser bei der Verfolgung von Korruption an den Tag legte.
Aurelian wurde von seinen Truppen schon zu Lebzeiten vergöttert und deshalb in Coenofrurium mit grossem Pomp begraben. Der Senat gewährte erst auf Betreiben des neuen Kaisers Tacitus seine Vergöttlichung.
Bewertung
Nachdem einige Kaiser, wie Gallienus oder Claudius II., den Boden geebnet hatten, bedurfte es nur mehr eines energischen Führers, das Reich vor dem Untergang zu retten. Wie es das Schicksal so wollte, war es Aurelian, der diesen Part der Geschichte zu übernehmen hatte.
Aurelians Regierung währte nur fünf Jahre und doch konnte er auf eine Reihe glänzender Siege zurückblicken. Sein grösstes Verdienst war die Wiederherstellung der Reichseinheit, die fünfzehn Jahre der Teilung überwanden. Zudem sicherte er die Grenzen durch die Aufgabe von besonders bedrohten Gebieten in Dakien und Raetien.
Aurelian sorgte für straffe Disziplin im Heer und bekämpfte die immer weiter ausufernde Korruption unter den Beamten. Lediglich die Wirtschaft taumelte immer mehr in den Abgrund, obwohl der Kaiser auch hier versuchte gegenzusteuern. Der Silbergehalt ging in jener Zeit drastisch zurück. Im Gallischen Sonderreich enthielt der Denar unter Tetricus nur mehr 0,019 g Silber. Aurelian selbst gab seine zwei neuen Münzserien als versilberte Bronze aus. Die Goldmünzen blieben in ihrem Gehalt zwar einigermassen stabil, doch wurde das Gewicht ständig reduziert.
Der Kaiser hatte zwar noch versucht schwerere Münzen auszugeben; unter seinen unmittelbaren Nachfolgern wurde dieses Experiment aber nur mehr unregelmässig fortgeführt. Die Münzbilder jener Zeit sind überraschend abwechslungsreich gestaltet. Sie feiern nicht nur den Kaiser und den Sonnengott, sondern prägten Lob für den pannonischen Kern seiner Armee in Metall.
Zitate
Historia Augusta, Leben des vergöttlichten Aurelian XLI
über das Wirken Aurelians in seiner Zeit
„Denn nach den Missgeschicken Valerians und den Schurkereien des Gallienus hatte unser Gemeinwesen unter Claudius wenigstens wieder Atem schöpfen können, doch Aurelian war es, der überall auf der Welt Siege errang und den ursprünglichen Zustand wiederherstellte.“
Historia Augusta, Leben des vergöttlichten Aurelian XLIV
über die Herrschaft des Aurelian
„Nun wird Aurelian fürwahr von den meisten Autoren weder unter die guten noch unter die schlechten Herrscher gerechnet, aus dem einzigen Grund, dass ihm die Gnade fehlte, jene wichtigste Mitgift eines Kaisers.“
Biographie wurde von imperiumromanum.com zur Verfügung gestellt